6. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGSF
vom 27. - 30.09.2006 in Leipzig
VORTRÄGE
Kathrin Löschner / Günter Krause: Ostfamilie
trifft auf Westfamilientherapie
Mitte der 80er Jahre - wovon ist das typische Leben einer Familie
im Osten von Montag bis Sonntag gekennzeichnet. Aus Protokollen
von Zeitzeugen entnehmen wir wesentliche Kennzeichen des Ostfamilienalltags.
Gleichzeitig gibt es in der früheren DDR Psychotherapieentwicklungen
und auch Entwicklungen in der Familientherapie, die versuchen den
Anforderungen der Ostfamilien zu entsprechen.
Parallel entwickelt sich die Psychotherapie und im Besonderen die
Familientherapie in der westlichen Welt und insbesondere in der
BRD es gibt viele verschiedene Ansätze und Entwicklungen,
die entsprechend der Anforderungen der Familien entwickelt wurden.
Amerikanische Therapieansätze wurden für deutsche Verhältnisse
brauchbar gemacht. Mit der Wende und der Öffnung der zwischen
Ost und West trafen nun Ostfamilien, Ostfamilientherapie
auf Westfamilientherapie und es galt diese Ansätze zu adaptieren.
Wie erlebten DDR-Therapeuten und Westtherapeuten die Begegnung,
was schien ihnen leicht zu übernehmen, worin lagen die Unterschiede
und was war schwer zu übertragen. Aus Interviews mit Ost- und
Westtherapeuten sollen Schlüsse auf den Stand der Integration
und Kooperation gezogen werden.
Prof.Elmar Brähler: Wie bedeutsam sind Ost-West-Unterschiede?
Eine Analyse von Ost-West-, Geschlechts- und Nord-Süd-Unterschieden
bei psychologischen Testverfahren
In zahlreichen Untersuchungen wurden nach der deutschen Wiedervereinigung
bei psychologischen Testverfahren Unterschiede in vielen Skalen
zwischen Ost- und Westdeutschen festgestellt. Dennoch sind bei den
Testnormierungen getrennte Normierungen die Ausnahme im Gegensatz
zu geschlechtsspezifischen Normierungen, die sehr oft durchgeführt
werden. Anhand von 12 eigenen Repräsentativbefragungen mit
über 60 Testverfahren wird die Bedeutsamkeit von Ost-West-Unterschieden
im Vergleich zu Geschlechtsunterschieden überprüft. Zu
Kontrollzwecken wurden daneben auch Nord-Süd-Unterschiede in
den alten Bundesländern untersucht.
Die Ergebnisse zeigen, dass bei den eingesetzten Testverfahren bedeutsame
Ost-West-Unterschiede ähnlich häufig auftreten, wie Geschlechtsunterschiede.
Überraschend groß ist jedoch die Zahl der psychologischen
Variablen, die weder bedeutsame Geschlechtsunterschiede zeigen noch
bedeutsame Ost-West-Unterschiede. Relevante Nord-Süd-Unterschiede
in den alten Bundesländern finden sich nur ganz wenige. Besonders
zu diskutieren ist jedoch die Notwendigkeit spezifischer regionaler
Differenzierungen, wie z.B. zwischen Ost- und Westberlin.
Dr. Eia Asen: Familienstrukturen, soziokulturelle Strukturen
und strukturelle Familientherapie
Familienstrukturen entwickeln sich in sozialen Kontexten - und sie
formen sie auch. Soziokulturelle Unterschiede führen zu den
verschiedenartigsten Formen von intra- und interfamilärer Kommunikation
und Interaktion. Dieser Vortrag stellt ein pragmatisches Modell
vor, für die Behandlung von Familien und anderen relevanten
Systemen und zeigt wie systemische Interventionen dieses 'Multiversum'
reflektieren können und müssen. Dekonstruierende und restrukturiende
familientherapeutische Techniken, teilweise alt und erprobt, teilweise
innovativ und 'riskant', werden im Detail beschrieben. Diese werden
den jedweden Bedürfnissen der Familien angepasst und mit ihnen
gemeinsam erarbeitet, unter Berücksichtigung der Schichten
und Kulturen aus denen sie kommen. Das Ziel dieses Ansatzes ist,
die soziale Distanz zwischen Professionellen und Klienten zu minimieren
und ein Konzept anzubieten, das dazu beiträgt mehr Verständnis
für unterschiedliche Wertvorstellungen, Lebensweisen und Kulturen
aufzubringen.
Prof. Friedebert Kröger: Familien - Bande
Die Geschichte der Familie ist eine Geschichte der Wechselwirkungen
zwischen der Gesellschaft auf der einen und der Familie auf der
anderen Seite. Gesellschaftliche Regel- und Normsysteme wirken auf
die Gestaltung der familiären Lebensform diese gewinnt wiederum
in einem zirkulären Prozess Einfluss auf die Gestaltung und
Struktur des übergeordneten sozialen Netzwerk - Systems. Den
über die Zeit stabilen Familientypus kann es also nicht geben
und auch in ihrer Funktion als soziales Netz erfüllt die Familie
sehr unterschiedliche Aufgaben, je nachdem, welche Bedingungen für
das Leben und Überleben in der Gesellschaft gestellt werden.
Im Vortrag wird der Bogen gespannt von einem Blick zurück in
die Historie der Familie als Produktions- und Reproduktionsstruktur,
die moderne Familie als intimer Beziehungsraum bis hin
zur Psychologisierung und Pathologisierung des familiären Beziehungsfeldes.
Deutlich wird werden, dass die Klage über den Zerfall
der Familie kein neues Thema ist und - folgt man manchen Autoren
- es der Familie besser geht als je zuvor.
Gisal Wnuk-Gette: Mehrgenerationen-Perspektive / Nutzen der
Großfamilie
Der Vortrag gliedert sich in die 3 Themenbereiche:
- Eigene Erfahrungen zum Bereich Mehrgenerationen
- Praktische Arbeit mit Mehrgenerationen - Methodisches: Instrumente,
Techniken, Wege
- Was wissen wir aus der Forschung?
Meine erste therapeutische Erfahrung mit der Mehrgenerationen-Perspektive
war 1974 in einem Workshop bei Virgina Satir. Virginia schaffte es,
durch Skulptur-Aufstellungen, bei denen wir mit Stricken verbunden
waren, uns zu verdeutlichen, wie sehr wir alle mit unseren Vorfahren
verbunden, verstrickt sind; wie sehr die Ressourcen, die wir von den
Menschen vor uns geerbt haben, uns prägen und begleiten.
Bei Familien-Rekonstruktionen mit unserer Lehrerin Carole Gammer und
wiederum bei Virginia Satir erfuhren wir eindrucksvoll die mehrgenerative
Verflechtung; vor allem bei Täter- und Opfer-
Familien des dritten Reichs war die Wirkung auf die nachfolgenden
Generationen zum Teil beängstigend.
In unserer Beratungs-Praxis mit Familien im Kontext sozialer Dienste,
treffen wir auf die Mehrgenerationen-Sicht in zweifacher Hinsicht:
zum einen erstaunt uns immer wieder, wie wenig die Beteiligten von
ihren Vorfahren wissen; eine andere Gruppe weiß mehr von ihren
Eltern und Großeltern, sie erleben große Übereinstimmungen
in der Lebensform, in der Abhängigkeit von Sozialarbeits-Institutionen,
in der Ablehnung und Nutzung dieser Institutionen. Bei beiden Gruppen
ist die Arbeit mit der Mehrgenerationen-Perspektive unabdingbar (wenn
möglich unter Einbeziehung der realen Personen), dadurch gelingt
den Familien, sich mehr zu verankern und zu verwurzeln.
Leitziele unserer Arbeit: Versöhnung - Verankerung
- Verwurzelung - Kräfte & Ressourcen herausfinden - Grenzen
ziehen - Realitäten herstellen - Regeln und Muster verändern
- ein lebendiges Beziehungs- und Handlungssystem herstellen.
Prof. Michael Scholz: Was kann die Multifamilientherapie
in der Kinder- und Jugendpsychiatrie leisten?
In Dresden wird seit acht Jahren die Multifamilientherapie in Familientageskliniken
sowohl für emotional und sozial gestörte Kinder und Jugendliche
im Alter von 3-12 Jahren als auch für anorektische Kinder und
Jugendliche angewendet. Die Vorteile gegenüber der Einzelfamilientherapie
sind vor allem: Solidarisierung; besseres Feedback der Familien
untereinander; Selbstwertstärkung sowohl der Eltern als auch
der Patienten durch die Gruppe. Auch in die stationäre Behandlung
lässt sich die Multifamilientherapie sinnvoll integrieren und
führt zu einer Verkürzung der Verweildauer. Follow-up-Studien
(Süß-Falkkenberg, Thömke 2005) zeigten ähnlich
gute Ergebnisse im Vergleich zur stationären Behandlung. Die
emotionalen Beziehungen in der Familie können signifikant verbessert
werden. Die bei 50 % aller Mütter sozial gestörter Kinder
vorhandene psychosoziale Belastung bessert sich nicht während
der tagesklinischen Behandlung, aber signifikant nach 1-1,5 Jahren.
Auch die Krankenkassen sehen inzwischen die Vorteile und sind zunehmend
bereit, die zusätzlichen Kosten zu übernehmen.
Annegret Sirringhaus-Bünder: Mikroanalyse von Beziehungsprozessen
anhand der Marte Meo-Methode
Marte Meo ist aus der römischen Mythologie abgeleitet
und bedeutet sinngemäß etwas aus eigener Kraft
erreichen. Im Namen spiegelt sich die Überzeugung, dass Menschen,
die füreinander verantwortlich sind, wie z. B. Eltern für
ihre Kinder, ErzieherInnen oder LehrerInnen für ihre Gruppen
und Klassen auch die Fähigkeiten haben oder entwickeln können,
die ihnen Anvertrauten optimal zu fördern.
Videoaufnahmen aus dem Alltag einer Familie, Gruppe, Klasse sind
das Medium in der Beratung. Sie eröffnen eine effektive Form
der Vermittlung, eine Ein-Sicht, die mehr ermöglicht,
als nur über Fragen oder Probleme zu reden. An ihnen wird gezeigt,
welches konkrete kommunikative Verhalten die Entwicklung von Kindern
und Jugendlichen fördert, daher verstärkt und ausgebaut
werden kann. Die im Film sichtbaren positiven und förderlichen
Momente werden so zu Bausteinen für die Entwicklung oder den
Ausbau einer unterstützenden Beziehung.
Der Vortrag wird durch Videodemonstrationen und kurze Theorieimpulse
einen Einblick in das Konzept und die Arbeitsweise einer Beratung
nach der Marte Meo Methode anbieten.
Reinert Hanswille: Systemische Traumatherapie
Die Arbeit mit traumatisierten Menschen ist in den letzten Jahren
verstärkt in das Interesse der Psychotherapie gerückt.
Geiseldramen, Verkehrsunfälle, Folteropfer, Kriegsflüchtlinge,
Opfer von Sexueller Gewalt etc. haben die Notwendigkeit gezeigt,
betroffenen Menschen gezielte Hilfe zukommen zu lassen. Viele Menschen
sind Opfer eines Traumas und haben entsprechende Symptome entwickelt,
andere zeigen posttraumatische Reaktionen, weil sie lange unter
großem Stress gelitten haben. Wieder andere zeigen sogenannte
komorbide Störungsmuster wie Sucht, Ängste, ADHS, Depressionen
die durch oder mit traumatischen Erfahrungen entstanden sind. Neuere
Erkenntnisse aus Neurologie und Neurobiologie zeigen, dass für
traumatisierte Menschen andere therapeutische Zugänge gewählt
werden und Therapeutinnen
und Therapeuten ihre Arbeitsweise umstellen müssen, wenn sie
ihren Klienten eine fachlich Hilfe zukommen lassen wollen.
Neue Psychotrauma - Diagnosen wie PTSD, DENOS, DIS etc. setzen sich
unter Klinikern immer mehr durch, und neue Therapierichtungen und
methodische Zugänge prägen das Feld. EMDR, Imaginations-
und Screentechniken, Stabilisierungsarbeit etc. gehören für
die Arbeit mit traumatischen Klienten zum Handwerkszeug. Die systemische
Therapie scheint in der Traumatherapie noch nicht angekommen, obwohl
sie mit ihrer Therapeutenhaltung, der Ressourcenorientierung und
Lösungsfokussierung besonders prädestiniert ist. Die Auswirkungen
auf Systeme, Co-Traumatisierung, mehrgenerationale Traumaweitergabe
etc. sind klassische systemische Themen. Neben einigen grundlegenden
Anmerkungen zur Traumatherapie sollen im Vortrag die Möglichkeiten
und Chancen systemischer Therapie betont werden.
Walter Cormann: Die rasante Entwicklung der systemischen
Therapie und ihrer Methodenvielfalt
Die Systemische Therapie ist in ihrer heutigen Alltagspraxis durch
3 wichtige Persönlichkeiten geprägt worden: Paul Watzlawik
und seine konstruktivistisch-erkenntnistheoretischen und kommunikationstheoretischen
Annahmen und Forschungsergebnisse, Milton Erickson und seine kreative
Art, durch die Potenzial- und Lösungsorientierung zu Verbesserungen
zu gelangen und natürlich Virginia Satir, die es verstand,
die Gesprächsinhalte der Klienten in besonderer Weise in räumliche
Bebilderungen zu transformieren: in Skulpturen, Beziehungschoreografien,
Musterinszenierungen usw., um durch neue Einblicke und Perspektivewechsel
veränderungswirksame Erlebnisse zu erzeugen.
Allen Dreien ist gemeinsam, mit jeweils unterschiedlichen Mitteln
Umdeutungen dysfunktionaler Wirklichkeitskonstruktionen zu bewirken.
Von Anfang an gab es nicht die systemische Therapie. Es gab und
gibt von jeher so viele Varianten wie es Therapeuten gab und gibt.
Systemische Konzepte werden heute multiprofessionell genutzt: Von
der Psychotherapie und Beratung über Sozialarbeit, Pädagogik
und Frühförderung bis zur Gerontopsychiatrie, von der
Organisationsberatung und -entwicklung bis zur Personalwirtschaft,
von der Schmerzbehandlung bis zum Jugendlichencoaching und von der
Traumatherapie bis zur Mediation. Entsprechend vielfältig sind
die methodischen Ausprägungen: Systemische Sprache als Interventionsbasis,
räumliche Visualisierungstechniken wie Skulpturen, Beziehungsbilder,
dynamische Inszenierungen wie Parts Party und Persönlichkeitsmandala
mit den universellen Anteilen, der Gebrauch von Symbolen, Puppenspiel
mit Kindern und Tranceinduktionen und Phantasiegeschichten mit Jugendlichen,
Systemische Kunsttherapie zur Selbstentdeckung, körperorientierte
Verfahren zur verbesserten Selbstwahrnehmung und Stressbewältigung,
Organisationsaufstellungen ebenso wie Wertepolaritätenaufstellungen,
Rückgabe- und Vergebungsrituale, Outdoor-Übungen, paradoxe
Interventionen, Rollenspiele und Rollentausch, Arbeit mit der Lebenslinie,
Vertrauensübungen, Trommeln, Tanz und Bewegung zur Entdeckung
eigener Kraftfelder und Lebensenergien, Geburtsszenarien spielen,
Familienrekonstruktionen, therapeutische Briefe schreiben, videounterstütztes
Arbeiten mit Familien und Jugendlichen, Tiefenstrukturarbeiten zur
Wiederbelebung des Selbstvertrauens, Entspannungsübungen und
das Erlernen von Selbstcoachingstrategien, Arbeit mit den Zukunftsbildern,
Gang durch´s Leben, Konfrontationstechniken wie z.B. die eigene
Grabrede schreiben, Märchenspiel mit Musterunterbrechung, Regeltransformationsübungen
wie der Kreuzweg, Rat der Göttinnen und Götter als gruppentherapeutisches
Highlight und so weiter und so weiter.
Aber nicht nur die Methodenvielfalt sondern vor allem die Vernetzung
der Psychologie, Psychotherapie und Systemtheorie mit den Wissenschaftsbereichen
Neurobiologie und Hirnforschung, pränatal Entwicklungs- und
Bindungsforschung, Psychopharmakologie, Gesundheitsmedizin und Ernährung,
Lern- und Medienwissenschaften, Altersforschung und Ökonomie
usw. bringen die Bedeutung der systemischen Arbeitsweise ständig
voran. Der systemische Ansatz ist längst zu einem Metakonzept
menschlicher Zusammenhänge geworden und die Systemtherapeuten
werden auch in Zukunft hiervon profitieren.
In dieser Veranstaltung werde ich beschreiben, wodurch eine Methode
eine systemische wird. Hierdurch kann aus der manchmal irritierenden
Vielfalt durch eine systemische Komplexitätsreduzierung
ein neuer sinnstiftender Leitfaden für die praktische Arbeit
erarbeitet werden.
Heliane Schnelle: Im Schulorchester andere Noten aufgelegt
- Das Zusammenspiel des Orchesters durch systemische Variationen:
Von der Anwendung systemischer Strategien im Schulalltag
Systemisches Denken bietet eine Vielzahl zusätzlicher oder
neuer Sichtweisen und Handlungsansätze für Erziehung und
Unterricht. Unsere systemische Fachkompetenz, Erfahrungen und Sichtweisen
bieten eine solide Grundlage, um nach modernen Ansätzen die
Beziehung zwischen Pädagoginnen und ihren Schützlingen
als konstruktive lebensbereichernde Erfahrung für die Schülerinnen
und Schüler zu gestalten. Wie der Resignation vor der sich
verändernden verhaltensoriginellen Schülerschaft entgegen
gesteuert werden kann, soll im Vortrag vorgestellt werden. Praktikable
Handlungsstrategien für innere Konflikte (Eltern, Schule, Umfeld)
sowie Handlungskonzepte im Umgang mit (auch verbaler) Gewalt und
Aggression, die sich besonders nützlich erwiesen haben, bilden
den wesentlichen Rahmen des Vortrages. Die Lehrergesundheit und
die Freude an der beruflichen Tätigkeit sollen durch systemische
Impulse wieder in den Blick gerückt werden.
Andrej Sergejew: Die moderne russische Familie und die Systemische
Familientherapie:
Wie passen sie zueinander?
Die Geschichte der systemischen Familientherapie (SFT) in Rußland
ist nicht lang. Die psychologische Familienhilfe hat im Jahre 1981
angefangen (in Moskau und im damaligen Leningrad). Kennzeichnend für
die Entwicklung der SFT in Rußland sind Zunahme wissenschaftlicher
Publikationen, die Gründung der professionellen Assoziation der
Familientherapeuten, sowie der rasche Zuwachs langfristiger Ausbildungsprogramme.
Die ersten Seminare fanden Anfang der 90er Jahre statt. Langfristige
Ausbildungsprojekte starteten in der 2. Hälfte 90er Jahre. Die
Projekte wurden von amerikanischen und deutschen Kollegen durchgeführt.
Zu einigen Besonderheiten der modernen russischen Familie:
- Mehrheitliches Leben in erweiterten Familien statt in Kernfamilien;
ökonomische Ursache (Mangel an Mitteln für Kauf von
Wohneigentum) und kulturelle Ursache (Leben in Großfamilie
und verwandtschaftliche Beziehungen sind traditionell von großer
Bedeutung).
- Viele Lebenszyklusetappen (E.Carter, J.Haley, M.McGoldric)
der westlichen Familie sind im Lebenszyklus der russischen Stadtfamilie
vorhanden und durch die eigene Spezifik einer großen Dreigenerationsfamilie
geprägt.
- Die materielle und moralische Abhängigkeit der Familienmitglieder
voneinander ist groß.
- Es ist eine Verstrickung und Verwicklung der Familienrollen,
undeutliche Funktionsverteilung zu beobachten. Sehr oft ist ein
Prozess des Funktionsersatzes zu beobachten, wo jeder in der Familie
funktional einen anderen vertreten kann.
- Die Individualität und Souveränität sind praktisch
nicht vorhanden. Die junge Generation ist eng und hart mit der
Elterngeneration verbunden; Traditionalität, Kontinuität
und Konfliktfertigkeit sind ausgeprägt.
- Bei solcher Familienorganisation ist die Machtfrage oft die
Hauptfrage. Sie wird im Umgangskontext auf der Ebene verschiedener
Familienunterstrukturen gelöst. Dafür gibt es kulturelle
Ursachen, die mit der Geschichte Rußlands verbunden sind.
Die wichtigen Adaptationsbereiche der westlichen Methoden der SFT
sind die Methoden der Arbeit mit Hierarchien, mit den Grenzen zwischen
Kern- und erweiterter Familie, mit Rolle und Funktion von Familienmitgliedern
im Genderkontext, die Arbeit mit Separation im Teenageralter und die
Arbeit mit den Modellen des Lebens alter Menschen. |